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| Einsatzbericht vom 31.05.2010 |
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Tornado in Nordsachsen – Gedanken eines Helfers
Mehr als 400 Einsatzkräfte von Berufsfeuerwehr, Freiwilliger Feuerwehr und vom Technischem Hilfswerk begaben sich in das Schadensgebiet,
um den Kommunen und Menschen Hilfe zu leisten.
Unter der Leitung des THW-Geschäftsführerbereichs Dresden, vertreten durch Jens Ahlgrimm, haben rund 120 Helfer aus den THW-Ortsverbänden Bautzen,
Dippoldiswalde, Dresden, Görlitz, Kamenz, Pirna, Radebeul, Riesa und Zittau die Aufräumarbeiten unterstützt.
Dieser Einsatz diente vor allem der Wiederherstellung der Zufahrtsmöglichkeiten zu Grundstücken und landwirtschaftlichen Nutzflächen,
Beräumung von Wegen, Parkanlagen sowie des Flughafens in Großenhain. Trotz des unermüdlichen Einsatzes, konnte nur ein Bruchteil der
Zerstörungen beseitigt werden.
Der Helfer Ralf Mancke vom THW-Ortsverband Dresden schildert dazu seine Eindrücke:
„Immer wieder wurde ich gefragt: Wie sieht es aus in Großenhain, Bauda und Ottendorf-Okrilla? Was denkst du da? Wie geht es den Leuten dort?
Tja wie? Wie kann man so etwas beschreiben?
Die Zerstörungen sind so groß, das es schwer fällt, es überhaupt in Worte zu fassen.
Einerseits winkende Menschen, die den zahlreichen Blaulichtfahrzeugen zuwinken, andererseits Leute die einem beschimpfen weil man von
Ihrem Grundstück aus einen umgestürzten Baum beseitigt? Die tiefe Verzweiflung der Geschädigten, aber die Hoffnung auf einen Wiederaufbau
und schnelle Hilfe. Waldgebiete die nur noch aus abgebrochenen Bäumen bestehen, aber seltsamerweise blieb in der Mitte trotzig ein Baum stehen.
Man fühlt sich an das Elbe-Hochwasser 2002 erinnert. Die vielen Menschen, die vielen Einsatzfahrzeuge und die Stimmung der Menschen.
Dieser trotzige Elan den Wiederaufbau anzugehen und die Schäden zu beseitigen. Wie eine Armee Ameisen fallen die Einsatzkräfte über das
Schadensgebiet her und arbeiten unermüdlich.
Wenn man ein Bild aus einem Schadensgebiet sieht, so sieht man immer nur einen Ausschnitt. Wenn man dagegen inmitten eines Waldes oder
Parks steht der zerstört wurde… in jede Richtung in die man schaut, die Zerstörung ist überall. Das frische Holz, der Geruch von Harz,
dann der Geruch der Abgase der Kettensägen. Ähnliche Gedanken kamen mir in Großenhain. Ich musste mich anstrengen, im unmittelbaren Schadensbiet
ein Haus zu finden das unversehrt geblieben war. In diesem Moment spürt man die Hoffnung, dass doch alle Schäden beseitigt werden können.
Unwillkürlich drängt sich die Frage auf, warum wir erst in der Nacht von Montag/Dienstag Hilfe leisten durften, danach aber erst am
Wochenende wieder kommen konnten. Sollten wirklich nur finanzielle Gründe dafür verantwortlich sein?
An unserer Einsatzstelle in der Nähe von Bauda, entdeckten wir ein großes verschraubtes Metallteil welches sich um einen Baum gebogen
hatte. Bei näherer Untersuchung stellte sich heraus, dass es sich um die Überreste eines Silos handelte. Logischerweise schaut man sich
wo es denn herkommen könnte, doch soweit man sehen kann gibt es keinen Bauernhof. Egal, erstmal weiterarbeiten. Die Kettensägearbeiten
erfordern höchste Konzentration und sind gefährlich. 30 Minuten arbeiten, dann kurze Pause. Wieder Blick in die Ferne – ist da ein Bauernhof?
Nein ich gebe es auf, erstmal nach den Kameraden schauen. Da ist alles Bestens, also weiter. Scheinbar wird die Kettensäge immer schwerer oder
meine Arme immer länger. Wieder Pause – aber wo ist dieser Hof von dem das Teil stammt?
Ein anderes Bild will mir nicht mehr aus meinem Kopf gehen. Ein PKW hatte eine Parkkralle am Vorderrad damit er nicht wegfahren konnte.
Auf das Hinterteil des Autos war eine tonnenschwere Betonplatte gefallen. Der Sturm hatte eine solche Wucht, das massive Betonplatten und
Fenster samt Rahmen, aus einem Wohnblock gerissen wurden
Langsam überkommt mich ein leichtes Hungergefühl. Ein Blick auf die Uhr zeigt mir, dass sich der Magen nicht irrt. Meine Gedanken drehen
sich nur noch ums Essen. Ich muss an unseren vorhergehenden Einsatz in Ottendorf-Okrilla denken. Nachdem wir die ganze Nacht gearbeitet
hatten tauchte ein Passant mit Pfannkuchen für uns auf. Schade kein Fremder in Sicht. Später dann tatsächlich die Überraschung – Schnitzel
mit Bratkartoffeln. Scheinbar sind meine telepathischen Fähigkeiten nicht schlecht.
Am späten Nachmittag verabschieden wir uns in Richtung Heimat. Während ich noch überlege wo das Metallteil herstammen könnte, wird es still
im GKW. Blick nach hinten, Blick zur Seite – alles schläft. Macht ruhig Jungs, ihr habt es Euch verdient, auch wenn ihr die winkenden Kinder
am Straßenrand verpasst.
Montag früh: Die Zeitungen berichten über Lena und den Grand Prix, ich finde es ja auch toll das wir gewonnen haben, aber wer denkt eigentlich
an die Leute in Großenhain und Umgebung? WIR, die Helfer ihr gesamtes Wochenende geopfert haben und zusammengepfercht in einer Turnhalle
schliefen. Wir denken daran und werden wiederkommen wenn wir einen Einsatzauftrag erhalten.
Kann man Dankbarkeit definieren? Nein sicher nicht, aber es ist ein verdammt gutes Gefühl zu sehen wie sich die Leute freuen, wenn wieder ein
kleiner Fortschritt inmitten des großen Chaos erzielt wurde. Tja und wie will man die Einsatzbereitschaft eines Helfers messen?
An der Intensität des Muskelkaters? Alle Helfer vor Ort arbeiteten Hand in Hand. Feuerwehr, DRK, THW und Stadtverwaltung. Vergessen waren
Zuständigkeiten und Kompetenzgerangel.
Zu erwähnen ist noch, dass sich der Grundstückseigentümer entschuldigt hat. Er hatte nur die Hilfe bei seinem Nachbarn gesehen, während bei
ihm scheinbar niemand helfen wollte. Die drei Bäume schafften wir dann auch noch.“
Fotos zum Bericht:
Fotos: Ralf Mancke / Für Großansicht bitte anklicken
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